Die neuesten Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszüge von JR West und JR Central erreichen im Plandienst Geschwindigkeiten von 275 km/h bis 300 km/h. JR East dagegen lässt ihre Züge jedoch nur mit 240 km/h verkehren. Für die nächste Shinkansen-Generation sind deutlich höhere Betriebsgeschwindigkeiten geplant. Bevor allerdings die Serienzüge hergestellt werden, ist es üblich, mit Testfahrzeugen die nötigen Erfahrungen zu sammeln, um gravierende Mängel in der Serienfertigung auszuschließen.
Im Juni 2005 präsentierte JR-East (East Japan Railway Company) der Öffentlichkeit einen neuartigen Versuchszug mit der Baureihenbezeichnung E954 und dem Namen "Fastech 360". Wie der Name vermuten lässt, ist der Experimentalzug für eine Designgeschwindigkeit von 360 km/h konzipiert, soll aber nicht nur schnell, sondern vor allem auch leise, leicht und komfortabel sein.
Wer den Zug zum ersten Mal sieht, dem wird wahrscheinlich zuerst das ungewöhnliche Aussehen des Zuges auffallen. Wie bei japanischen Versuchszügen üblich, sind die Enden des Zuges unterschiedlich gestaltet. Welche Kopfform für die Serienzüge infrage kommt, wird sich im Laufe der Tests herausstellen. Rund 16 Meter der 27,5 Meter langen Endwagen entfallen auf die aerodynamischen Nasen. Endwagen E954-1 sieht noch relativ konventionell aus, der Endwagen E954-8 erinnert jedoch eher an ein U-Boot als an einen Zug. Beide Varianten entstanden am Computer. Die wichtigsten Bedingungen waren eine gute Schienenlage des Zuges und eine Minimierung der lauten Mikro-Schockwellen, die bei Tunneleinfahrten entstehen. Weitere lärmmindernde Maßnahmen waren die komplette Verschalung der Wagenübergänge ähnlich dem ICE-V und die bis über die Räder reichende Seitenverkleidung aus geräuschdämmenden Materialien. Entlang der Strecke stellte man Betonwände aus schallschluckenden Baustoffen auf, die bis zur Fensterunterkante der Züge reichen.
Eine weitere wichtige Komponente am Zug, die es zu optimieren gilt, ist der Stromabnehmer. Auf dem Dach des Fastech 360 sind zwei Pantographen mit neu konstruierten Schleifstücken installiert. Im Zusammenspiel mit einer neu entwickelten Oberleitung soll der kontinuierliche Stromfluss verbessert werden. Windleitbleche — auch Anströmkeile genannt — reduzieren Luftverwirbelungen im Bereich des Stromabnehmers.
Ähnlich der Baureihe 700N spendierten die Hersteller dem Zug eine einfache Art der Neigetechnik. Durch Umverteilung der Luft in den Federungen der Drehgestelle ist der Fastech in der Lage, sind in den Kurven um bis zu 2 Grad zu neigen. Hervorhebenswert ist das geringe Gewicht des Sprinters. Trotz aller Finessen in Sachen Lärmreduktion und Geschwindigkeitssteigerung ist er ein Leichtgewicht unter den Hochgeschwindigkeitszügen. Die maximale Achslast liegt bei lediglich 12,5 Tonnen! Bei einer installierten Antriebsleistung von 8580 kW, die durch drei unterschiedliche Motorarten aufgebracht wird, und einem Gesamtgewicht von 390 Tonnen ergibt sich ein sehr gutes Beschleunigungsvermögen. Um im Gefahrenfalle (bei Erdbeben beispielsweise) sehr schnell aus 360 km/h zum Stehen zu kommen, können Bremsklappen ausgefahren werden. Diese gelben aerodynamischen Bremsen sind ein Novum für Schienenfahrzeuge und erinnern an Mickey-Mouse-Ohren.
Die Fahrgäste in den zukünftigen Shinkansen-Zügen sollen von den Maßnahmen zur Erfüllung der japanischen Lärmschutzbestimmungen ebenfalls profitieren. Der Wagenkastenboden aus ebenfalls geräuschdämmenden Materialien ist elastisch verbaut. Vibrationen, die über die Fahrgestelle auf den Wagenkasten übergreifen, verpuffen damit innerhalb der doppelten Wagenhülle nahezu komplett. Mehrfach-Schichtfenster und der verschalte Wagenübergang sind weitere positive Komfortfaktoren. Im Fastech 360 stehen 520 Sitzplätze potentiellen Reisenden zur Verfügung.
Die Fahrversuche starteten am 25. Juni 2005 und werden während der nächtlichen Betriebspausen durchgeführt. Bereits am 3. August kratzte der Zug mit 398 km/h an der Vierhunderter-Marke. Bis 2008 soll das Testprogramm laufen, wobei bereits ein zweiter Experimentalzug (Baureihe 955) bereits kurz vor der Auslieferung steht. Ab 2011 sollen die Serienzüge mit bis zu 360 km/h zwischen Tokio und Aomori pendeln.
Im Dezember 2007 erreichte mich eine Meldung, dass die Tests abgeschlossen seien und der Zug demnächst in Produktion gehen wird. Die Geschwindigkeit im Plandienst soll aber wegen der hohen japanischen Lärmschutzverordnungen nur bei 320 km/h liegen.