Hochgeschwindigkeitszüge in China

1978 wurden unter der Führung von Deng Xiaoping Reformen eingeleitet, die zu einem imposanten Wachstum und einem deutlichen Strukturwandel Chinas führten — insbesondere ab 1992, als der Aufbau einer sozialistischen Marktwirtschaft als wirtschaftspolitisches Ziel festgelegt wurde. Das führte unter anderem zu einer Verstädterung des Landes[1]. Im Jahr 2013 lebten bereits 52,6 Prozent der Bevölkerung Chinas in urbanen Zentren. Es wird geschätzt, dass dieser Wert bis 2034 auf rund 75 Prozent steigen wird[2]. Die rasche Urbanisierung in den vergangenen 15 Jahren führte vielerorts zu massiven Verkehrsproblemen: Die Straßen sind überfüllt und der öffentliche Nahverkehr hinkt den mobilen Bedürfnissen hinterher[3].

In diesem Kontext beschloss die Regierung Chinas Ende der Neunzigerjahre, die Metropolen mit schnellen Zügen zu verbinden. Da ihnen jedoch die Erfahrungen mit Bau und Betrieb von Hochgeschwindigkeitszügen fehlte, setzten die Chinesen auf den Import von etablierten Fahrzeugen und Knowhow aus dem Ausland[4]. Unter maßgeblichem Einfluss des damaligen Ministerpräsidenten Zhu Rongji wurde die Magnetschwebetechnik favorisiert[5]. Doch mit seinem Amtsaustritt im März 2003 fiel die Entscheidung zugunsten der Rad-/Schienetechnik — der Transrapid in Shanghai blieb eine Insellösung[6].

Etablierte Schienenfahrzeughersteller witterten das große Geld und boten ihre Hochgeschwindigkeitszüge feil[6][11]. Siemens punktete mit der Velaro-Plattform, Alstom mit dem Pendolino ohne Neigetechnik, Japan mit einer Shinkansen-Variante auf Basis der Serie E2 und Bombardier mit seiner Zefiro-Familie[7]. Nur wenige Garnituren durften ab 2005 in den Ursprungsländern gefertigt werden; die meisten Züge wurden in Lizenz in China hergestellt[8].

Zeitgleich stampfte man in atemberaubendem Tempo Schnellfahrstrecken aus dem Boden — schneller als erwartet, denn 2003 ging man noch von einer Baugeschwindigkeit von 8000 Kilometern binnen 30 Jahre aus[9]. Doch das Hochgeschwindigkeitsnetz avancierte schnell zum mit Abstand längsten der Welt und bereits 2008 nahmen die ersten Hochgeschwindigkeitszüge den Betrieb auf chinesischem Boden auf[10]. Mit bis zu 350 Stundenkilometern im Plandienst führt China die Liste der schnellsten Serienzüge der Welt an[12].

Dank vieler Technologietransfers verfügen die Chinesen inzwischen über genügend Wissen, um ihre eigenen Hochgeschwindigkeitszüge zu konstruieren[13]. Die Baureihe CRH380A ist eine chinesische Eigenproduktion, allerdings noch mit Unterstützung aus dem Ausland[14]. Doch mit der Serie CRH400A brachte China ihren ersten eigenen Hochgeschwindigkeitszug heraus, der Ende Juni 2017 den regulären Dienst aufnahm. Wie vorauszusehen war, möchte China mit ihrem Superzug nun auf dem Weltmarkt selbst als Global Player auftreten und mit den etablierten Bahnherstellern in Konkurrenz treten[15].

Nachfolgend werden alle Hochgeschwindigkeitszüge aufgeführt, die aktuell in China im Einsatz sind. In einem gesonderten Artikel kann man sich einen Überblick über die Schnellfahrstrecken in China verschaffen.

Quellenangaben

  1. "Chinas sozialistische Marktwirtschaft", Bundeszentrale für politische Bildung, 02.03.2006
  2. Youtube-Link: 75 Prozent der Chinesen werden bis 2034 in Städten leben, CCTV News, abgerufen am 29.06.2017.
  3. Youtube-Link: "Chinas explodierende Städte", 3Sat Dokumentation von 2015, abgerufen am 29.06.2017.
  4. Murray Hughes: "The second age of rail — A history of high-speed trains", The History Press, 2015, S.121-140.
  5. "China baut weitere Transrapid-Strecke", Yahoo Schlagzeilen, 31.12.2002.
  6. "Siemens bietet China ICE-Züge an", Yahoo Finanzen, 24.11.2003.
  7. "China kauft japanischen Hochgeschwindigkeitszug statt ICE", Yahoo Nachrichten, 30.08.2004.
  8. "Milliarden-Deal: China bestellt bei Siemens ICE-Züge", Yahoo Nachrichten, 04.11.2005.
  9. "Offenbar keine zweite Transrapid-Verbindung in China", ZDFheute Wirtschaft, 04.07.2003.
  10. "Schnellstrecke Peking – Tianjin", Eisenbahn-Revue International, 06/2006, S.300.
  11. "China gibt Transrapid und Co den Laufpass", Tagesschau.de, 11.03.2006.
  12. "How fast is fast enough?", Railway Gazette, July 2013, S. 32.
  13. "Made in Germany — Dank deutscher Naivität schnappt China-Falle zu", N24 Welt Online, 30.06.2015.
  14. "China launches its first self-developed bullet train 'Fuxing' as Beijing eyes global high-speed rail market", Mail Online News, 26.06.2017.
  15. Nikolaus Doll: "Chinas Schnellzüge bedrohen Zukunft von ICE und TGV", N24 News, 05.08.2016.

Aktualisiert am: 11.07.2011

Zugübersicht in chronologischer Reihenfolge der Betriebsaufnahme

X2 Xinshisu

X2 Xinshisu Hochgeschwindigkeitszug in China

Der erste Hoch­ge­schwin­digkeits­zug-Ein­satz erfolgte ab 1998 mit einem aus Schwe­den impor­tier­ten X2 / X2000. Zwi­schen 1998 und 2007 war der Zug mit bis zu 200 km/h auf der Rela­tion "Guangz­hou – Shen­zhen – Kowloon" als "Xins­hisu" im Ein­satz. Lei­der kam es zu kei­ner Nach­be­stel­lung: China ent­warf bereits sei­nen eige­nen Hoch­ge­schwin­digkeits­zug, den DDJ1.



DDJ1, DJJ1, DJJ2

DDJ1 Hochgeschwindigkeitszug auf dem Abstellgleis.

1999 rollte der DDJ1 als ers­ter, eige­ner Hoch­ge­schwin­digkeits­zug vom Band. Die 7-tei­lige Gar­nitur war für 200 km/h aus­gelegt, die sie zwi­schen Guangz­hou und Kowloon auch aus­spielte. Ab dem Jahr 2000 kamen acht moder­nere Super­züge vom Typ DJJ1 als "Lanjian" (Blue Arrow) zum Ein­satz. 2002 ver­ließ wieder eine neue Bau­reihe die heimi­schen Werkshal­len: der DJJ2 oder auch "China Star". Die unbefrie­digen­den Ergeb­nisse zwan­gen schließ­lich zum Import bewähr­ter Hoch­ge­schwin­digkeits­züge aus dem Aus­land.



Transrapid in China

Transrapid in China fährt in den Bahnhof ein

Zhu Rongji, der Minister­präsident des Staats­ra­tes der Volks­re­publik China war ein großer Befürwor­ter der Magnet­schwe­be­tech­nik. Sei­nem Einfluss ist es zu ver­dan­ken, dass es im Januar 2001 zu einem Ver­trag zur Liefe­rung von vier 6-tei­ligen Transra­pid-08-Zügen kam. Als Super-S-Bahn ver­bin­det der Transra­pid seit Dezember 2003 das Zentrum von Shanghai mit dem Flughafen Pudong Inter­na­tio­nal. Es ist die erste kommer­zi­elle Anwendung der deut­schen Transra­pid-Tech­nik welt­weit. Der chi­ne­si­sche Transra­pid ist das "fahr­planmäßig schnellste spurge­bun­dene Fahrzeug der Welt".



CRH1

CRH1A in China im Bf Shenzhen

Nicht nur Japan, sondern auch Bombardier und seine Joint-Ven­ture-Partner erhiel­ten im Okto­ber 2004 einen Zuschlag zur Fer­tigung von Hoch­ge­schwin­digkeits­zügen für das Reich der Mitte. Zuerst 20, spä­ter noch einmal 20 acht­tei­lige Ein­hei­ten auf Basis der Regina-Platt­form wur­den bis 2007 herge­stellt. Am 1. Februar 2007 erfolgte die Indienst­stel­lung der ers­ten, 220 km/h schnel­len CRH1A-Züge. Es folg­ten weitere Nach­be­stel­lun­gen von 250 km/h schnel­len CRH1-Vari­an­ten, teilweise auf Basis der Zefiro 250 Familie. Ein­satzgebiete sind unter ande­rem die Stre­cken "Guangz­hou – Shen­zhen", "Shanghai – Nanjing", "Shanghai – Hangz­hou" und "Qinhuang­dao – She­nyang".



CRH5

China Railways CRH5A

Im Okto­ber 2004 kam es zur Ver­trags­un­terzeich­nung zwi­schen China und Alstom für den Bau von 60 acht­tei­ligen Triebwa­genzügen vom Typ Pen­dolino (ETR 600), jedoch ohne Neige­tech­nik. Wie üblich wur­den nur 3 Gar­nitu­ren komplett in Europa herge­stellt, alle weite­ren Züge via Tech­no­logie­transfer in China. Die ers­ten Züge wur­den 2007 fer­tig­ge­stellt und im glei­chen Jahr indienstge­stellt. Mit bis zu 250 km/h sind diese Hoch­ge­schwin­digkeits­züge im nörd­li­chen Teil Chi­nas im Ein­satz.



CRH2

CRH2 in China

Nach den unbefrie­digen­den Ergeb­nis­sen beim Bau von eige­nen Hoch­ge­schwin­digkeits­zügen bestellte China von nun an Super­züge im Aus­land. Die ers­ten, die den Zuschlag erhiel­ten, waren die Japaner mit einer Vari­ante des Shink­an­sen der Serie E2-1000 im Okto­ber 2004. Insge­samt 60 acht­tei­lige Kompo­si­tio­nen für eine Höchstge­schwin­digkeit von 250 km/h wur­den herge­stellt: Nur 3 fer­tige Ein­hei­ten kamen aus Japan, die übrigen Züge wur­den in Lizenz von CSR Sifang gebaut. Weitere CRH2-Ein­hei­ten wur­den in Eigen­regie pro­du­ziert. Ein­satzgebiete sind u. a. die Stre­cken "Hefei – Nanjing" (ab 08/2008) und "Beijing – Shanghai" (ab 12/2008).



CRH3C

CRH3 in Bremerhaven

Im November 2005 wurde mit China ein Ver­trag zum Bau von 60 Hoch­ge­schwin­digkeits­zügen unterzeichnet. Sie basie­ren auf die Velaro-Platt­form von Sie­mens. Nur drei Gar­nitu­ren wur­den in Deutsch­land gefer­tigt, der Rest in China. Die ursprüng­li­che Bezeich­nung "CRH3" bzw. CRH3A wurde 2008 auf "CRH3C" geändert. Weitere 20 Züge wur­den in China nach­ge­baut. Die Höchstge­schwin­digkeit beträgt 350 Stun­denki­lome­ter, wobei ein Zug am 24.06.2008 eine Rekordge­schwin­digkeit von 394,3 km/h erreichte. Haupt­ein­satzgebiete sind seit 2008 unter ande­rem die Schnell­fahr­stre­cken zwi­schen Beijing und Tianjin sowie zwi­schen Zhengz­hou und Xi'an.



CRH380B

CRH380BL Hochgeschwindigkeitszug

Im März 2009 wurde mit China Nort­hern Rail­ways (CNR) ein Ver­trag zur Liefe­rung von 100 16-tei­ligen Hoch­ge­schwin­digkeits­zügen unterzeichnet mit einer anvi­sier­ten Höchstge­schwin­digkeit im Plandienst bei 380 km/h. Natür­lich nahm man noch gerne die Hilfe aus dem Tech­no­logie­transfer von Sie­mens in Anspruch. Im Sep­tember 2009 orderte man weitere 40 sechszehn­tei­lige Gar­nitu­ren sowie 40 acht­tei­lige Kompo­si­tio­nen. In den Fahr­plä­nen tauch­ten die ers­ten CRH380B/BL ab 2010 auf. Haupt­ein­satzgebiet ist die Schnell­fahr­stre­cke "Beijing – Shanghai". Mit 487,3 km/h sicherte sich am 10.01.2011 eine CRH380BL-Ein­heit den chi­ne­si­schen Geschwin­digkeitsre­kord.



CRH380A

CRH380A auf der Shanghai World Expo 2010

Seit dem 26. Okto­ber 2010 fährt der schnellste Seri­en­zug der Welt in China. Die­ser Zugtyp der Serie 380A ist eine chi­ne­si­sche "Eigen­entwick­lung" und ver­einte die via Tech­no­logie­transfer aqui­rier­ten Vor­teile der Shink­an­sen-, Regina-, Velaro- und Zefiro-Tech­nik. Haupt­ein­satzgebiete sind die Schnell­bahn­stre­cken von Beijing nach Shanghai, von Shanghai nach Hangz­hou sowie von Zhenhz­hou nach Xi´an. Am 3. Dezember 2010 kamen die Ver­suchsfahr­ten mit 486,1 km/h zu einem Höhe­punkt. Die Seri­en­züge vom Typ CRH380A sind auch als "Harmony Express" bekannt.



CRH500

CRH500

China ist ein Land der Super­la­tive und möchte auch zum Thema Hoch­ge­schwin­digkeits­züge den Ton ange­ben. Im Dezember 2011 stellte CSR Sifang Locomo­tive in Eigen­regie einen 6-tei­ligen Test­zug vor, der für Geschwin­digkei­ten bis 500 Stun­denki­lome­tern aus­gelegt ist. Um diese hohe Geschwin­digkeit zu errei­chen, liegt die Antriebs­leis­tung bei bis zu 22.800 kW. Seine aerodynami­sche Form soll an ein his­to­ri­sches, chi­ne­si­sches Schwert erin­nern. Was aus dem Pro­totyp wurde und wel­che Höchstge­schwin­digkeit bei Pro­befahr­ten erreicht wur­den, ist bisher ein Geheim­nis.



CRH380D

Zefiro 380 von Bombardier

Die chi­ne­sisch-kana­di­schen Arbeits­gemeinschaft "Bombardier Sifang Transporta­tion Ltd." bekam Ende 2009 die Geneh­migung, insge­samt 80 sechszehn­tei­lige Hoch­ge­schwin­digkeits­züge vom Typ "Zefiro 380" herzu­stel­len. Spä­ter wurde die Bestel­lung auf 70 acht­tei­lige Züge redu­ziert, zuguns­ten weite­rer CRH1-A-Züge. 2015 orderte man doch wieder 15 zusätz­li­che acht­tei­lige Kompo­si­tio­nen. 2012 gin­gen die ers­ten Exem­plare in Betrieb.



CRH380C

CRH380C Hochgeschwindigkeitszug in China

Die Bau­reihe CRH380CL besteht aus Mit­tel­wa­gen der Serie CRH380B, beka­men aber neue Endwa­gen mit ver­änder­ter Kopf­form. 25 sechszehn­tei­lige Langzüge beschaffte die Eisen­bahn­ge­sellschaft Minis­try Of Rail­ways (MOR) und ersetz­ten damit 25 zuvor bestellte CRH380BL-Ein­hei­ten. Die erste Gar­nitur unter­nahm ab 2011 Ver­suchsfahr­ten. Im Frühjahr 2013 nah­men die Züge ihren Plandienst auf.



CRH400A

CRH400AF Hochgeschwindigkeitszug in China

Der CRH400AF ist der erste Hoch­ge­schwin­digkeits­zug, der eine rein chi­ne­si­sche Pro­duk­tion ist. Inner­halb von nur 13 Jah­ren sind die chi­ne­si­schen Inge­nieure zu Exper­ten in Sachen Hoch­ge­schwin­digkeits­züge avanciert, dank auf Silber­ta­bletts servier­ten Tech­no­logie­transfers aus Japan, Frank­reich, Deutsch­land und Kanada. Nun kön­nen die Chi­ne­sen im inter­na­tio­na­len Wett­bewerb mit eta­blier­ten Bahn­her­stel­lern in Konkur­renz tre­ten. Die Design­ge­schwin­digkeit der "Fuxing"-Züge (Fuxing bedeu­tet Ver­jüngung) liegt bei 400 km/h, die Fahrgäste rei­sen jedoch mit maximal 350 Stun­denki­lome­ter. Lang­fris­tig sol­len die CRH400 die aus dem Aus­land ein­ge­kauf­ten Hoch­ge­schwin­digkeits­züge erset­zen.